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Montag, 24. September 2007
Papa
Von bonjovimaus, 11:43

Morgen wird mein Papa 60. Den ganzen Tag denke ich schon nach, über ihn und mich und warum eigentlich alles so gekommen ist. Ich muss 8 gewesen sein, ich weiß es nicht genau, jedenfalls ist der Papa, wie ich ihn kannte damals gestorben. Und seitdem....er ist einfach ein ganz anderer Mensch. Mein früherer Papa hätte mir nie angedroht mich todzuschlagen, der hätte nie gesagt, dass ich dumm bin und nichts kann und das aus mir nie was werden wird. Mein Papa war ganz anders. Und mittlerweile musste ich mich an diesen neuen Papa gewöhnen. Wir haben uns kaum etwas zu sagen, oder vielleicht wollen wir uns auch gar nichts sagen. Wenn wir zu Mittagessen, dann sitzen sich da zwei depressive Menschen gegenüber, die lustlos in ihrem Essen rumstochern und sich nichts, aber auch gar nichts zu sagen haben. Danach wird er spülen und ich abtrocken, nicht weil ich es gerne mache, sondern weil es nicht anders geht. Weil mein Papa sonst wütend wird und mir sagen wird, dass ich gefälligst im Haushalt helfen soll. Früher, als ich in der ersten Klasse war oder in der zweiten oder so, da hat er immer mit mir Hausaufgaben gemacht und saß nebenmir und hat mir gesagt, wie ich die Buchstaben schreiben soll. Gott, ich habe das gehasst. Heute sagt er immer nur, dass er meine Schrift nicht lesen kann. Gott, wie oft hat er meine Mama angebrüllt, wie oft hat sie wegen ihm geweint. Und wenn er die Stühle durch die Küche geschmissen hat und dann Löcher im Küchenschrank waren und dann haben wir immer geweint. Und meine Mama hat dann gesagt, ich darf etwas drüber kleben. Also hab ich über das Loch im Küchenschrank eine Blume geklebt, sie sah schrecklich aus, so ne Window Colour Blume, ich hab nie malen können, war da immer viel zu ungeschickt dafür. Und damit die Blume nicht so doof aussieht haben wir auf den Kuchenschrank ne Diddl-Maus geklebt. Irgendwann haben wir dann eine neue Küche bekommen, aber die alten Schränke stehen nun oben im Dachboden und die Window Colour Bilder sind immernoch dran. Einmal hatte ich so sehr Angst vor Papa, dass mich Mama mit zu sich auf die Arbeit genommen hat, das war in den Ferien. Bis abends sind wir dort gesessen und haben uns nicht nach Hause getraut. Einmal, da hat Papa geweint, weil wir in einem alten Buch irgendeine traurige Geschichte gelesen haben. Und dann hat Papa nochmal geweint, als wir gedacht haben, Mama hätte Krebs und müsste sterben. Nur da hat Papa geweint, sonst nie. Ich hab auch geweint, ich hatte solche Angst, dass Mama mich alleine lässt. Und wie oft wir Papa im Krankenhaus besucht haben, ich erinnere mich noch an den riesigen Kopfverband nach seiner Operation. Wie oft ich Angst vor ihm gehabt habe und wegen ihm geweint habe.

Mein Papa ist eine ältere Ausgabe von mir selbst. Depressiv, kein Selbstwertgefühl, ständig liegt er nur rum und tut nichts, weil er nicht glaubt, dass er Talente hat und weil er alles, was er tut für falsch hält, weil er glaubt, er kann nichts richtig. Ob ich mit 60 auch so sein werde? Ob ich meinen Kindern auch drohen werde, dass ich sie todschlage? Werde ich ihnen auch beibringen, dass sie nichts können und das nie etwas aus ihnen wird? Das ist der Grund, warum ich keine Kinder bekomme werde, weil es nichts positives gibt, dass sie von mir lernen könnten.

Trotzdem hab ich meinen Papa lieb. Ich bin froh, dass mein Papa noch lebt. Auch wenn wir uns im Grunde so wenig zu sagen haben, weil wir nichts voneinander wissen und uns total fremd sind. Weil wir uns einfach nicht kennen. Nichts übereinander wissen. Die einzige Möglichkeit besteht darin, dass wir schweigend zusammen in einem Raum sitzen, manchmal Arm in Arm, einfach so. Oder wir gucken zusammen Fernseh und unterhalten uns darüber. Wenn er mich am Telefon "Engelchen" nennt und sagt: Ich hab dich lieb. Oder wenn er meine Waschmaschine zusammen baut. Ich weiß, er tut dass nicht gerne, weil er viel lieber gewollt hätte, dass ich zuhause wohne. Papa, ich hab dich einfach lieb!!!

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